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Zeichnung: Korsarengaleeren liegen im Morgengrauen in der Bucht von Port de Sóller, dahinter der Ort und die Serra de Tramuntana
Die Insel in der Insel

Vierhundert Jahre hinter einem Berg

Wer heute durch den Tunnel fährt, ist in einer halben Stunde von Palma hier. Diese halbe Stunde gibt es erst seit 1997. Davor führte aus dem Tal genau eine brauchbare Straße heraus, über den Coll de Sóller, achtundfünfzig Kehren auf knapp fünfhundert Meter Höhe, im Winter oft im Nebel und mit dem Lastwagen kaum zu befahren. Nach Norden und Süden gab es Bergpfade, mehr nicht. Sóller und das Nachbardorf Fornalutx waren vom Rest der Insel praktisch abgeschnitten.

Diese Abgeschiedenheit erklärt fast alles, was den Ort heute ausmacht. Sie erklärt, warum man sich hier eher nach Frankreich orientierte als nach Palma, warum das Tal eine eigene Eisenbahn baute, warum die Häuser anders aussehen als im Rest Mallorcas und warum eine Gemeinde von zehntausend Einwohnern Einrichtungen unterhält, die man dort sonst nicht findet. Und sie erklärt, warum die Sóllerics an einem Morgen im Mai 1561 allein waren, als dreiundzwanzig Galeeren in die Bucht einliefen.

1561 Die Korsaren werden zurückgeschlagen
1912 Die Eisenbahn nach Palma
1913 Die Straßenbahn zum Hafen
1981 Estel Nou wird gegründet
1997 Der Tunnel wird eröffnet
2017 Die Maut fällt weg
1561

Der Morgen, an dem die Korsaren kamen

Am 11. Mai 1561 lagen im Morgengrauen dreiundzwanzig algerische Galeeren in der Bucht von Sóller. Befehligt wurden sie von Uluç Ali, einem der gefürchtetsten Korsaren des Mittelmeers, der als Giovanni Dionigi Galeni in Kalabrien geboren worden war und es später bis zum Oberbefehlshaber der osmanischen Flotte brachte. Der Ort hatte keine Garnison und keine Aussicht auf schnelle Hilfe. Hauptmann Joan Angelats ließ die Sturmglocken läuten und stellte sich mit ungefähr fünfhundert Männern zwischen die Angreifer und die Stadt; aus Alaró und Bunyola kamen im Lauf des Vormittags noch einmal hundert dazu.

Am frühen Nachmittag ruderten die Korsaren wieder hinaus. Zweihundertelf von ihnen blieben zurück, auf Sóllers Seite waren sechs Männer gefallen. In die Überlieferung eingegangen sind daneben die Valentes Dones, die tapferen Frauen, die sich mit in den Kampf stellten und deren Namen bis heute jedes Jahr neu vergeben werden. Im selben Jahr, 1561, begann die Ölmühle Ca'n Det in der Altstadt Oliven zu pressen. Sie tut es immer noch.

Ein Darsteller in Korsarentracht mit Säbel beim Es Firó, dahinter die roten Fahnen und die Menge
Es Firó

Einmal im Jahr kommen sie wieder

Sóller feiert diesen Vormittag bis heute, und zwar nicht als Schauspiel für Gäste, sondern als eigenes Fest. In der zweiten Maiwoche läuft über mehrere Tage die Fira, am Donnerstagabend werden in der Kirche Sant Bartomeu die Valentes Dones des Jahres eingesetzt, und am Montagnachmittag landen die Mauren am Strand von Port de Sóller. Der halbe Ort steht auf der einen Seite, der halbe auf der anderen, es wird geschossen, gerannt und gebrüllt, und am Ende werden die Angreifer wieder ins Meer zurückgedrängt. 2026 fiel dieser Montag auf den 11. Mai, auf den Tag genau vierhundertfünfundsechzig Jahre nach dem Original.

Wer im Mai hier ist, sollte das gesehen haben. Es kommen Menschen von der ganzen Insel, die Straßen sind voll, und man merkt schnell, dass hier niemand für Publikum spielt. Die Familien, die mitmachen, machen seit Generationen mit. Ein Zimmer in diesen Tagen sollte man früh buchen.

Die Fassade der Pfarrkirche Sant Bartomeu an der Plaça de la Constitució, entworfen von Joan Rubió i Bellver
19. Jahrhundert

Die Orangen und der Umweg über Frankreich

Im Tal wuchs mehr Zitrusfrucht, als es je verbrauchen konnte, und der Weg zum Markt in Palma führte über genau jenen Pass. Über das Meer nach Südfrankreich zu segeln war schlicht einfacher, als zwanzig Kilometer über den Berg zu fahren. Also gingen die Früchte nach Frankreich, und viele Familien gingen mit. In Sète, Marseille und Perpignan wurden Sóllerics zu Obsthändlern, manche zu wohlhabenden, und sie schickten ihr Geld nach Hause.

Was sie damit bauen ließen, steht heute noch mitten in der Altstadt: Häuser im Modernisme, dem katalanischen Jugendstil, wie man sie sonst auf Mallorca kaum findet. Die Fassade der Pfarrkirche Sant Bartomeu an der Plaça de la Constitució stammt von Joan Rubió i Bellver, einem Mitarbeiter Gaudís, ebenso das Bankgebäude daneben. Can Prunera, ein Wohnhaus von 1909 bis 1911, gehörte einem Rückkehrer, der in Frankreich mit Obst reich geworden war; seit 2009 ist es ein Museum, unten die erhaltene Einrichtung, oben Werke von Miró, Picasso, Klee, Léger und Toulouse-Lautrec aus der Sammlung des Verlegers Pere Serra, der selbst aus Sóller stammt.

1912 und 1913

Ein Tal baut sich seine eigene Eisenbahn

Weil niemand ihnen eine Verbindung bauen wollte, bezahlten die Kaufleute des Tals sie selbst. 1912 ging die Schmalspurbahn nach Palma in Betrieb, im Volksmund Express de las Naranjas, der Orangen-Express. Siebenundzwanzig Kilometer, dreizehn Tunnel, der längste knapp drei Kilometer lang, dazu das Viadukt Els Cinc Ponts. Eine gute Stunde dauert die Fahrt, und sie fährt bis heute mit den Wagen von damals.

Ein Jahr später kam die Straßenbahn dazu, vom Bahnhof mitten durch die Stadt, an Gärten und Orangenbäumen vorbei bis an die Hafenpromenade. Beide Bahnen waren als Wirtschaftsgüter gedacht und sind heute das, woran sich die meisten Gäste am genauesten erinnern. Kein Museum hat sie gerettet, sie haben einfach nie aufgehört zu fahren.

Die historische Straßenbahn auf dem Weg zwischen Sóller und dem Hafen, links das Meer
1997

Der Tunnel

Am 19. Februar 1997 wurde der Sóller-Tunnel eröffnet, 3.023 Meter unter der Serra de Alfàbia. Damit endete, was vierhundert Jahre lang die Grundbedingung des Tals gewesen war. Palma lag plötzlich eine halbe Stunde entfernt, Waren kamen und gingen ohne den Pass, und Menschen konnten in der Hauptstadt arbeiten und hier wohnen. Vorausgegangen waren jahrelanger Streit und einer der größten Bauskandale der Insel, die Maut galt lange als die teuerste Spaniens, und erst am 29. Dezember 2017 wurde sie abgeschafft.

Was der Tunnel nicht geschafft hat, ist ebenso bemerkenswert. Das Tal ist nicht zugebaut worden, die Altstadt sieht aus wie vorher, die Bahnen fahren, und die Berge stehen ohnehin, wo sie standen. Sóller ist erreichbar geworden, ohne austauschbar zu werden. Genau deshalb kommen die Leute.

Die Altstadt von Sóller aus der Luft, in der Mitte die Kirche Sant Bartomeu, dahinter die Serra de Tramuntana
Was das Tal daraus gemacht hat

Eine Gemeinde, die ihre Leute behält

Von den Jahrhunderten der Abgeschiedenheit ist etwas geblieben, das man im Ort schnell merkt: Man kümmert sich hier um die eigenen Leute, weil es lange niemanden sonst gab, der es getan hätte. Seit 1981 gibt es Estel Nou, eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung, die in der ganzen Region als Vorbild gilt. Als Anfang der neunziger Jahre die Marke Fet a Sóller entstand, zuerst mit Speiseeis, ließ sie ihre Marmeladen von Anfang an dort herstellen.

Der Laden von Fet a Sóller sitzt an der Plaça des Mercat, und wenn Sie etwas mitnehmen möchten, dann von dort. Die Bio-Orangenmarmelade ist der Klassiker, das Zitruseis ebenso, und beides ist tatsächlich hier gemacht, nicht nur hier verkauft. Es ist das seltene Mitbringsel, bei dem man weiß, wo das Geld hingeht.

Zum Weiterlesen

Romane, die in diesem Tal spielen

Die drei Sóller-Krimis von Lilly Alonso

Diese Geschichten sind längst Romane geworden. Die Autorin Lilly Alonso lebt seit über zwei Jahrzehnten auf der Insel und lässt ihren Sargento Lluc Casasnovas von der Guardia Civil in Sóller ermitteln, erschienen bei Heyne. Die ersten drei Fälle spielen an genau den Orten, von denen diese Seite handelt: der erste im Orangen-Express, der zweite mitten im Getümmel des Es Firó, der dritte in den Orangenhainen.

Und jetzt hinfahren

Was von dieser Geschichte übrig ist, steht noch da und fährt noch, und man kann mitten darin wohnen. Geben Sie Ihren Wunschzeitraum ein, dann sehen Sie, was in diesen Tagen frei ist.